Sie lassen in Ihrem Film viel von sich selbst einfließen. Was passiert genau in „Le Chaos“? Welcher Teil ist in Ihrem Werk der autobiografische?
Es ist unvermeidlich, dass autobiografische Elemente einfließen, besonders das Verhältnis zu den Mächtigen, zu den politischen Institutionen. Die große und die kleine Geschichte ist immer miteinander verknüpft. Auch wenn mir die Zensur vorschreibt zu trennen, kann ich es nicht. Der ganze Film basiert auf das was man im Französischen das Konzept nennt. Woraus besteht die Grundlage des Filmkonzepts? Wenn ich schreibe frage ich mich das immer. Ist diese Szene verhältnismäßig zum Konzept oder geht es daran vorbei? Der Film ist ziemlich gewalttätig gegen die Mächtigen. Welche Schnitte kann man machen und welche Schnitte würden die Aussage des Konzepts entstellen?
Wenn die Zensur einen Teil meines Filmes wegschneidet, habe ich das Gefühl, dass man mir einen Teil meines Körpers abschneidet.
Die Zensur ist ein gesetzliches Mittel, die Freiheit der Kunst einzuschränken. Schriftsteller sind oft diejenigen, die die Mächtigen nerven. Die Mächtigen fühlen sich von ihnen oft angegriffen. Auch die Miliz. Es ist eine Krankeit. Miliz ist immer da, die erste Miliz war von der CRS.
Ich analysiere, wie den Leuten die Macht zu Kopfe steigt. Selbst den Schauspielern, die aus der Werbung gekommen sind und die ein bisschen bekannter werden. Das ist genau das, was ich kritisiere. Das betrifft auch die Leute vom Parlament, die Minister, und das ist sehr schwerwiegend.
Ich bin immer sehr ehrlich gegen die Mächtigen, ich nehme kein Blatt vor den Mund, ich sage Dinge direkt. Ich habe keine Angst vor ihnen und sie werden es nicht schaffen mich zum Schweigen zu bringen. Es nervt, aber es wird ihnen nicht gelingen, dafür ist es mir zu wichtig.
Sie haben die Zensur und den Fundamentalismus oft angeprangert. In „Le Chaos“ erstellen Sie ohne Abstriche ein Bild des heutigen Ägyptens. Ist es für Sie ein Leitmotiv, dieses Risiko einzugehen?
Ja sehr. Doch gegenüber der Zensur ist das sehr gefährlich. Ich kenne meine Rechte und sie kennen das Gesetz nicht sehr gut. Es musste zu einem Prozess kommen damit sie sahen, dass ich Recht habe. Sie können mich nicht zwingen, einen Film zu zerstückeln. Das lasse ich nicht zu. Letztendlich sagte ich ihnen, dass sie den Film stoppen und eine Klage einreichen sollen.
Können Sie uns von Ihrer Zusammenarbeit mit Khaled Youssef erzählen?
Ich war eine Zeit lang sehr krank, doch ich hatte großes Vertrauen in Khaled, weil er viele Anstrengungen machte um meinen Stil zu beherzigen. Unsere Zusammenarbeit fing mit dem Drehbuch an. Natürlich hat er seinen eigenen Stil, doch er wusste die Szenen so zu gestalten, wie ich sie haben wollte. Khaled hat das wunderbar gemacht: man erkennt nicht, ob gewisse Szenen von Khaled oder von mir sind.
In seinen Filmen findet man meinen Einfluss nicht wieder. Außer die technische Seite und die Schönheit der Bilder. Ich denke, seine Technik ist ein Tick anders. Wir sind zwei verschiedene Persönlichkeiten, und es ist ein Wunder eine derartige Gewandtheit zu erreichen wenn man an seinen eigenen Filmen arbeitet.
Die Frauen in Ihren Filmen sind sehr starke Persönlichkeiten. Über ihre persönlichen Schwächen hinaus fühlt man die ganze Zuneigung, die Sie für sie empfinden. Können Sie uns etwas über Ihre Beziehung zu ihnen erzählen?
Das ägyptische Kino hat mit Frauen begonnen: Asia, Bahiga Hafes, etc.. Sie sind es, die das Kino erschaffen haben und es ist heute noch so. Ich habe mit einigen von hnen zusammengearbeitet: Mary Queeny in „Ibn El Nil“ und Asia in Salah El Din (Saladin). Bahiga Hafes hat mich gelehrt, das ein Film nicht stirbt. Während der Zusammenarbeit mit der Restauration ihrer Filme verstand ich, dass der Film eine lebendige Materie ist. Genau das ist die Magie des Kinos.
Die menschlichen Beziehungen sind, noch einmal, im Zentrum Ihrer Erzählungen. Was inspiriert Sie am Menschen?
Für mich ist der Mensch im Grunde gut. Wenn man nicht an das Gute im Menschen glaubt, kann man alles im Leben sein lassen. Nun, ich gehe auf den Spuren Gogols: Ich liebe es, Mensch zu sein. Aber das heißt nicht, dass ich nicht auch menschliche Schwächen aufzeigen muss. Wenn wir uns für Gott hielten, könnten wir uns gleich selbst abschaffen.
Man sagt, dass man den Vater töten muss, um erwachsen werden zu können. Weil der Vater die Macht repräsentiert, die man für sich beanspruchen will. All diejenigen, die sagen, sie könnten den Vater töten, die Mutter, die Großmutter, sind Schwächlinge. Ich musste das nicht tun, weil mein Vater ein mutiger Mann war, wie jener von Gogol, der sagte, dass die Güte die größte Stärke sei. Ich bin mit dieser Idee aufgewachsen.
Sie greifen das Thema der unmöglichen Liebe auf (wie beispielsweise im Film Gare Centrale), aber der Film endet im Guten. Sind Sie ein Optimist?
Ja, das reale Leben ist so. Es sind nicht nur die Frauen, es ist die ganze Gesellschaft, die die Liebe von sich weist. Ich fühlte mich immer abgelehnt. Niemals habe ich mich gut gefühlt, ich fühlte mich immer sehr hässlich. Ich beginne jetzt mich besser in meiner Haut zu fühlen seit ich gereift bin. Die Weisheit ist eine außerordentliche Kraft, weil sie deine ganzen Beziehungen zu anderen besser macht. Anstatt die Fehler anderer zu beobachten, sehe ich die positiven Dinge. Ich schäme mich nicht zu sagen, dass die Anwesenheit anderer in meinem Leben etwas unentbehrliches ist.
Ich bin sehr optimistisch, da ich denke, dass ich in meinem Alter weiterhin Filme machen werde. Dank geht aber auch an Gaby, meinem Neffen, der mir immer die Frage stellt: “Bist Du nun glücklich oder nicht?“ Ich wurde vom Kino niemals enttäuscht.
Sie verankern Ihre Erzählungen in drei Komponenten: Sex, Verbrechen und Not. Laufen sie von diesen Elementen ausgehend auf ein reines Melodram hinaus?
Es gab immer eine Bahey (die weibliche Persönlichkeit von El Asfour, Le Moineau) in meinen Filmen. Sie ist eine sehr starke Persönlichkeit und diese liebe ich nun mal. Ich zeige sie in Situationen, in denen man ihre Stärke sehen kann. Mich interessiert es nicht Filme anzuhäufen. Jeder Film ist eine Entscheidung und verlangt eine gewisse Disziplin.
Sind Sie mit 81 Jahren immer noch bereit für einen nächsten Film?
Im Moment zerbreche ich mir den Kopf, aber es ist schwierig ein Thema zu finden das alle menschlichen Gefühle, die mich beschäftigen vereint. Es gibt Konzepte, die sich durch das politische Leben aufdrängen: die Korruption, die Schwäche bestimmter Personen und die Macht, die ihnen zu Kopfe steigt.
